Der Stollen-Fall, der den Skandal nur größer macht – und keiner merkt es
20. Dezember 2008 – 14:05 | Gesellschaft | terryNun, in der letzten Woche haben wir ja alle genug gehört über den Datenskandal bei der LBB. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen, was jetzt wirklich ans Licht gekommen ist. Die LBB/ADAC etc. vergeben Ihre Kreditkartenabrechnungen an einen Dienstleister. Soweit so gut. Aber hat irgendjemand den Rest verstehen können mit dieser Stollengeschichte? Journalisten offensichtlich nicht.
Atos Worldline heißt die Firma, die die Abrechnungen erstellt und bearbeitet. Auf der Zunge zergehen lassen: Mikrofiche! (Das sind Teile, die heutige 12klässler noch nicht einmal auf einem Blatt Papier buchstabieren könnten, so vergangen ist diese Technologie.)
Nun diese Firma hat einen Kurier beauftragt. Noch mal die Zunge raus: einen Kurier! Der würde im normalen Fall etwas transportieren wie – naja sagen wir mal einen Christstollen. Genau das ist auch passiert, denn eine andere Firma wollte ein Weihnachtsgeschenk versenden.
Beide Pakete laufen in der Zentrale des Kurierdienstes ein. Was jetzt passiert schlägt dem Fass den Boden aus. Die Kurierfirma beauftragt einen Subunternehmer mit der Lieferung der Daten. Sagt mal wovon sprechen wir hier wirklich?? Wie schlecht können die qualitativen Kontrollen bei einem Geldinstitut sein? Ein paar Buzzwords zur heiklen Situation:
- Geldinstitut - Darum geht es doch bei Kreditkartendaten um Geld oder?
- Treuhänderische Verwaltung - Diese Daten gehören den Kunden. Die Banken verwalten sie nur treuhänderisch.
- Kunden – ohne Worte, denn der Kunde scheint im Datengeschäft schon lange nicht mehr König zu sein.
So. Den Rest der Geschichte schnell aufgelöst: Die Kurierfahrer des Subunternehmers des im Auftrag der LBB handelnden Atos Worldwide bestellten Kurierdienstes haben Hunger weil sie schlecht bezahlt werden. Der Rest ist Schmu. Christstollen wird aufgegessen, Pakete umettiketiert, Daten kommen falsch an.
Was mich richtig richtig nervt am Ausgang dieser Geschichte ist die Berichterstattung der Presse. Meine Informationen habe ich von Golem.de, wo ich den Sachverhalt ganz gut verstanden habe. Zum Vermerk Golem ist ein IT-Fachverlag. Selbst der Focus, den ich persönlich nicht so hochwertig halte schreibt einen passablen Artikel, ebenso wie der Spiegel. Dennoch leider aber nicht unerwartet – alle unvollständig.
Wer bekommt es überhaupt nicht auf die Reihe? Der bilderbunte Stern titelt:
Datenskandal schrumpft zur Posse
und überzeugt daraufhin mit schlecht lesbarem Sprachwirrwarr. Nun eine Posse wohl, aber geschrumpft ist hier wohl kaum etwas. Der Skandal wird eher noch größer! Das wohl aber vergessen alle erwähnten Medien zu schreiben, weil sie sich auf die Pressemitteilung der Frankfurter Staatsanwaltschaft (leider nur zweite Hand) stützen – nun, für die zählt eben auch nur der Fall und die haben per se keine eigenen Meinungen.
Der Skandal reiht sich ja doch ohne den Stollen-Hintergrund ein in die anderen Dinge die wir von der Telekom etc. kennen. Aber das hier Daten, die andere Leute für viel Geld verkaufen neben einem Konditoreiprodukt gefahren werden und das im Auftrag vom Auftrag vom Auftrag von irgendjemandem ist absolut inakzeptabel.
Ein Glück, dass die Kurierfahrer nur Hunger hatten und evtl. auch keinen Sinn im Klau von Daten fanden. Was sonst passiert wäre – nun ja die Leute hätten es tatsächlich auf Ihrem Konto gemerkt. Es war reines Glück, dass das Paket die Frankfurter Rundschau und nicht irgendeinen Mafia-Boss erreichen sollte.
Ich erwarte von Journalisten hier etwas mehr Feingefühl und Sachverstand und nicht nur boulevardesquen Sprachabfall. Hintergründe und Leute, die etwas weiterdenken scheint es nur noch in der Blogosphäre zu geben – Traurig, dass Journalisten (noch nicht mal die Tagesschau macht da eine Ausnahme) keine investigativen Artikel mehr schreiben können.











8 Kommentare
Zitat”Beide Pakete laufen in der Zentrale des Kurierdienstes ein. Was jetzt passiert schlägt dem Fass den Boden aus. Die Kurierfirma beauftragt einen Subunternehmer mit der Lieferung der Daten. Sagt mal wovon sprechen wir hier wirklich?? Wie schlecht können die qualitativen Kontrollen bei einem Geldinstitut sein? ”
Sie scheinen keine Ahnung von der Wirklichkeit zu haben. Wissen Sie überhaupt wie die KEP-Branche arbeitet ? Der Kurierdienst ist eine 100 % Tochter des Logistikers. Sowohl der Logistiker als auch der Kurierdienst arbeitet mit Subunternehmer. Qualitätsstandards nach ISO geprüft gelten in der gesamten Kette. Dennoch: Wo Menschen arbeiten, passieren solche Sachen.
Was bitte hat das mit der “qualitativen Kontrolle” des Geldinstituts zu tun ?
Hauptsache man hat mal wieder was scheinbar schlaues geblogt…..
wiewahr am Dez 20, 2008
Auch sie scheinen nicht zu verstehen, worum es hier geht. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass es Usus ist, mit Subunternehmern zusammen zu arbeiten. Es geht eben auch nicht um die Kuriere, sondern um die Geldinstitute. Es ist absolut unverzeihlich Kundendaten mit einem ungesicherten Kurier fahren zu lassen. Da könnten Sie gleich Ihre Jahreseinnahmen von einem Fahrradkurier zur Bank fahren lassen.
Da Sie aber noch nicht mal einen Namen haben und offensichtlich auch kein Interesse an einer weiteren Verfolgung dieser Diskussion, denke ich Sie wollten nur ein wenig stänkern. Es sei Ihnen verziehen.
terry am Dez 20, 2008
Die Geschichte wurde vollkommen falsch recherchiert. Tatsächlich lief alles ganz anders ab. Der berühmte Zauberer “Miraculix” hatte am Abend auf einer Galaveranstaltung des Bundespräsidenten 2 weiße Hasen aus dem Zylinder gezaubert. Am nächsten Morgen steckte er die Tiere in zwei ganz normale Kartons und adressierte die an den Frankfurter Zoo, wo er zuvor die Tiere ausgeliehen hatte. Zum Glück war ein Fahrer des Bankenkurierdienstes ein Nachbar von ihm und der erklärte sich bereit, die beiden Kartons zu transportieren, da man eh nach Frankfurt unterwegs war. An einer Raststelle fiel den deinen Männern im Transporter ein komisches Geräusch auf. Während der eine mit gezogener Waffe seinen Kollegen absicherte, öffnete der andere einen Karton und sofort sprang der weiße Hase heraus. Völlig erschrocken (das nennt man wohl putative Notwehr) löste sich versehentlich ein Schuss und traf den Hasen tödlich. Tief betroffen nahmen die beiden den Hasen mit nach Hause und verspeisten ihn. Aus Ärger über all das Erlebte, schickten sie den zweiten Karton an die Frankfurter Rundschau. Doch leider war dies nicht der Karton mit dem zweiten weißen Hasen, denn der kam unbeschadet bei ATOS an. Als der Bundespräsidenten, Schirmherr der abendlichen Zauber-Veranstaltung, davon hörte, verbot er jegliche Berichterstattung darüber. So wurde kurzer Hand die Geschichte mit den Christstollen erfunden…
Gartenbankbesitzer am Dez 20, 2008
Wenn Sie keine Kritik vertragen können, sollten Sie kein Blog betreiben.
Was bitte verstehen Sie denn unter einem “ungesichertem Kurier” ?
Sie glauben ja gar nicht was Banken und sonstige Einrichtungen täglich “ungesichert” per normaler Post senden. Glauben Sie, alles was irgendwie sensibel ist oder sein könnten, geht per Werttransport auf die Reise ? In welcher Welt leben Sie ?
Ich mag es nicht, wenn in irgendwelchen Blogs Halbwissen oder Halbweisheiten verteilt werden.
wiewahr am Dez 20, 2008
Danke für Ihre Kommentare. Ich vermute mal, dass Sie aus der Branche kommen. Halbwahrheit hin oder her, Kreditkartendaten gehören nicht per (üblichem) Kurier versendet, das tut man mit normalem Geld auch nicht.
Und trotz ISO (das ja eigentlich nur Prozesse beschreibt und sonst nichts tut) bleibt der fade Beigeschmack, das am Ende der Auftraggeber (erinnern Sie sich, das war mal die Bank..) gar nicht mehr weiss, wer überhaupt den Transport durchgeführt hat und welche Absprachen oder Verträge zwischen Atos, dem Kurier und dessen Subunternehmern stehen.
Es muss Transparenz da geschaffen werden, wo es nötig ist. Daten sind hochsensible Güter und sollten als solche transportiert werden und nicht im gleichen Wagen/Hänger/Rucksack wie ein Christstollen.
Wenn Sie schreiben, dass täglich so viel von Banken “ungesichert” versendet wird, macht es das nicht wirklich besser sondern eigentlich nur viel schlimmer. Ich fürchte nur, dass sich an der ganzen Situation nichts ändern wird, denn die Geschichte mit dem Stollen war ach so putzig und lässt die Leute vergessen, worum es hier eigentlich wirklich geht.
terry am Dez 20, 2008
Da muss ich mich anschließen, terry. Dass die Daten mit einem normalen Kurier verschickt werden, ist genauso wenig sinnvoll, wie Geld mit der Post zu verschicken, im einfachen Brief. Das würde keiner machen, aber bei den Daten scheinen sich viele einfach zu sagen, hey, das sind nur Daten, die sind doch nicht so wichtig. Und dieses Aufbauschen um den Christstollen ist m. E. einfach nur ein Ablenkungsmanöver, um die Leute zum Schmunzeln zu bringen, als einfach mal hinter die Kulissen zu schauen.
Marco am Jan 4, 2009
Also zum Schmunzeln ist mir in dieser Sache überhaupt nicht zu Mute, mir wird eher speiübel wenn ich mir die Fakten ansehe: Gewissenloser Christstollen-Kurier plündert Lieferung, ettiketiert um und sorgt dafür, dass Massen an hochsensiblen Bankkundendaten, welche auf dem Schwarzmarkt ganz ohne jeden Zweifel ein Vermögen wert sind, einem anderen, willkürlichen Empfänger in die Hände fallen. Dass hier etwas ganz immens schiefläuft steht vollkommen außer Frage. Und dass die meisten Medien die Sache aus irgendeinem Grund nur so flüchtig behandeln, dass es dem Durschnittsbürger scheinbar kaum im Gedächtnis blieb, ist schlimm und traurig. Ich würde gerne erfahren wie das Ganze weiterging, Hat wer wen angezeigt? Ist man vielleicht auf die Idee gekommen, die ganze Handhabung solcher Daten gesetzlichen Regelungen zu unterwerfen? Das bisherige System, das allein auf unzureichende Sicherheitsmaßnahmem und das Gewissen kleiner Kuriere setzt, ist hier schließlich katastrophal gescheitert. Und wenn, wie “wiewahr” sagt, dies der Standard sein sollte und dass buchstäblich das Schiksal entscheidet, welches Sendung ankommt und welche einfach irgendwie abhanden kommt, na dann gute Nacht. Den Gaunern scheint hier Tür und Tor offen zu stehen und manchmal scheinen selbst die nichtmal nötig zu sein…
Kro am Jan 28, 2009